Inhaltliches

Bildgestaltung als Schule der Toleranz

Neben der freien künstlerischen Arbeit betätigte und betätigt sich Jürg Straumann auch als Lehrer in den Fächern Aktzeichnen und Bildgestaltung.

In Kursen Bildgestaltung zu vermitteln, ist eine besonders intensive Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Stoff. Straumann begann dabei, nicht mehr vor allem das Formale, sondern vielmehr das Psychische in der Bildgenese für die Kursteilnehmer sichtbar und erfahrbar werden zu lassen und entwickelte dabei während fünfzehn Jahren seine eigene Methode. Daraus entstand eine eigentliche Theorie und Praxis verschiedener Bildsprachen. Im Vorwort zu diesem Weiterbildungskurs mit dem Titel "12 Bildsprachen" schreibt er: "Die hier vorgeschlagene Methode ist ungewöhnlich: Strategien, Techniken und Qualitätskriterien der Bildgestaltung werden auf das System der zwölf astrologischen Archetypen bezogen. Dadurch steht uns eine differenzierte und sehr anschauliche Orientierungshilfe zur Verfügung." Im nächsten Satz folgt gleich die einschränkende Warnung: "Ordnungssysteme sind oft hilfreich – und immer fragwürdig!" Straumann stellt auch an seine eigene Methode die Anforderung, sich in der Praxis bewähren zu müssen und bewusst nur eine Annäherung an die komplexe Materie darzustellen.

Unterstützt von Jakob Lusti, einem psychologisch geschulten Astrologen, veranstaltete Jürg Straumann 1991 erstmals einen solchen Kurs. Das damit verbundene Skript wuchs in den letzten fünfzehn Jahren zu einer 116 Seiten umfassenden fundiert recherchierten und organisierten Lehrschrift an. Darin ist ein reiches Material aus Kunstwissenschaft, Pädagogik und Psychologie versammelt, es kommen verschiedene Ansätze zum Erlernen der Möglichkeiten des Ausdrucksrepertoires zum Tragen. Vertreten sind u.a. auch Erkenntnisse von Johannes Itten (1888-1967), der bereits in den 1920-er Jahren grundlegende Methoden der individuell ausgeprägten Typenlehre ausformulierte.

In Jürg Straumanns Kursen werden die zwölf Archetypen des Zodiakus als Raster einer Bildordnung mit sprachlich klaren Definitionen von zwölf Bildqualitäten als Arbeitsfeld betrachtet. An jedem der zwölf Kurswochenenden herrscht eine entsprechende Stimmung, die mit dazu passenden Einführungen (Musik, Bewegung, Diskussion, Materialversuche usw.) und Übungen erzeugt wird. Im Hinblick auf die geforderten Bildqualitäten wird von den Teilnehmenden an jedem Wochenende eine völlig andere Haltung gefordert, damit entsprechende Bilder entstehen können. Über die ganze Zeitspanne findet ein prozesshaftes Rollenspiel statt. Auf diese Weise erteilt Straumann einen bildnerischen Fremdsprachenunterricht, ohne dabei auf die persönlichen Vorlieben und Abneigungen der Teilnehmenden einzugehen. Es geht also nicht um eine künstlerische Arbeit im engeren Sinne, sondern um das Bewusstmachen der psychischen und physischen Aspekte des bildnerischen Gestaltens in all seinen Möglichkeiten.

Da alle zwei Monate an einem Wochenende gearbeitet wird, dauert ein Kurs zwei Jahre. Die dabei entstandenen, äusserst unterschiedlichen Bilder werden jeweils am Schluss des ganzen Kurses ausgelegt und als Test von aussenstehenden Personen den 12 archetypischen Qualitätsbereichen zugeordnet. Jürg Straumanns Methode ist inzwischen vielfach erprobt, die Resultate sind immer wieder verblüffend. Aus diesem Kurs resultieren ganz konkrete Erfahrungen mit verschiedensten kreativen Prozessen und einer Bildlichkeit, die das zutiefst Menschliche im bildnerischen Gestalten zur Anschauung und zur Sprache bringt.

Anna Magdalena Schafroth
(in „Panoptikum. Jürg Straumann. Arbeiten/oeuvres 1977 – 2006", Verlag Stämpfli, Bern)